Super-GAU gerade noch verhindert: Stresstest für Banken versehentlich an Atomkraftwerk durchgeführt

Ein unangenehmer, aber glücklicherweise gerade noch glimpflich ausgegangener Zwischenfall ereignete sich im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld (KKG) im unterfränkischen Landkreis Schweinfurt (Bayern). Aufgrund eines peinlichen Missverständnisses wurde versehentlich ein Banken- anstelle des ENSREG-Stresstests an dem AKW durchgeführt. Der Irrtum wurde rechtzeitig erkannt, somit ist die einzige Folge eine Herabstufung des Standard & Poor’s-Ratings.

Nur knapp konnte die Katastrophe verhindert werden, aber: Wäre das AKW jedoch eine Bank, wäre sie längst "explodiert"

Nur knapp konnte die Katastrophe verhindert werden, aber: Wäre das AKW jedoch eine Bank, wäre sie längst „explodiert“

GRAFENRHEINFELD (npa) – Da kann man sich aber auch wirklich mal irren: Aufgrund der zahlreichen Stresstests, die seit einigen Jahren durchgeführt werden, wird es immer schwieriger, den Überblick zu behalten: Während die European Banking Authority (EBA) europäische Banken in unterschiedlichen Bedrohungsszenarien überprüft, sucht die European Nuclear Safety Regulators Group (ENSREG) nach Schwachstellen bei Kernkraftwerken.

So wunderte sich auch in Grafenrheinfeld niemand, als vergangenen Mittwoch ein Team von Testern am Gelände des Kraftwerks auftauchte, um einen der unregelmäßig wiederkehrenden Stresstests durchzuführen. Die Tester selbst waren zwar von der eher ungewöhnlichen Bauweise des Finanzinstitutes überrascht, gingen jedoch voller Tatendrang ans Werk.

Als Erster wurde ein Mitarbeiter der EBA, der Finanzexperte Thomas Roeseler, stutzig, nachdem ihm aufgefallen war, dass da irgend etwas mit der Bilanz nicht stimmen konnte. Die Eigenkapitalquote des Instituts war außerordentlich niedrig und eine große Subventionierung durch die öffentliche Hand schien zum Betrieb unabdingbar erforderlich zu sein. Zudem gab es Unstimmigkeiten beim Portfolio. „Wissen Sie, es gibt schon eine Menge skurriler Bankhäuser, aber ich konnte einfach nicht glauben, dass die Jungs da in Grafenrheinfeld tatsächlich ein solch eingeschränktes Portfolio führen. Die hatten de facto nur Vermögenswerte im Energiesektor und somit ein wirklich extremes Exposure.“

Als Roeseler bei Fortschreiten seiner Überprüfungen dann noch herausfand, dass die Assets allesamt in ihm bis dato unbekannten Währungsbezeichnungen in den Büchern standen (KKG, E.ON, mSv oder auch GWh), wurde rasch klar: Es sei wohl doch keine so gute Idee, die für den folgenden Tag angesetzte „Durchleuchtung“ des „Herzens der Anlagen“ ohne weitere Voraberhebungen zu simulieren, was auch den E.ON-Mitarbeiter Hans Manhardt schließlich auf den Plan rief und in weiterer Folge dazu motivierte, dem Test ein – zumindest vorläufiges – Ende zu setzen.

Durch diesen mutigen Schritt konnte Manhart das schlimmste verhindern. „Nicht auszudenken, wenn die da wirklich am nächsten Tag mit ihren Laptops, Klemmbrettern und völlig ungeschützt in ‚das Herz der Anlage‘, das ist ja schließlich unser Druckwasserreaktor, reinspaziert wären. Das konnte ich einfach nicht zulassen“, so der beherzte Manhardt.

Das Ergebnis: Grafenrheinfeld bliebt am Netz, die Rating-Agenturen Moody’s und Standard & Poor’s senken jedoch aufgrund der deutlich zu starken Fokussierung der Assets auf den Energiesektor den Ausblick Grafenrheinfelds von Triple AA+ auf A+ herab.

(Bild: Pierre J./flickr.com)

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